Samstag, 26. Oktober 2013

100.000 oder 400

Ich gebe es zu, ich habe ein schlechtes Gewissen. Die letzten Wochen habe ich nicht wirklich viel über das Schreiben berichtet und auch über die Fortschritte sehr bedeckt gehalten. Es ist jedoch nicht so, dass es nicht vorwärts ging. Ich habe vielleicht nicht ganz so viel Zeit zum Schreiben, wie ich es gerne hätte, aber wenn ich abends nicht allzu müde bin, dann nehme ich mir immer wieder den Laptop und schreibe. Außerdem gibt es ja auch noch Wochenenden. Da ich aber heute die 100.000 Wort Marke geknackt habe und der Roman somit über 400 Seiten stark ist, dachte ich mir, dass es mal wieder Zeit für einen kleinen, unkorrigierten, Ausschnitt aus dem dritten Teil ist. Ihr seht also, dass es langsam vorangeht, aber immerhin geht es vorwärts. Und wenn es euch tröstet, es fehlt nicht mehr viel.

Und jetzt viel Spaß beim Lesen:

   »Konntest du etwas entdecken?«, fragte Phil seinen Onkel, der von einem Rechner zum anderen lief und die einzelnen Computer aufmerksam prüfte. Phils Augenmerk wurde auf einen Bildschirm gezogen, dessen Monitor wilde Berechnungen aufzeigte. Diverse Daten und Namen tauchten abwechselnd auf. Dies alles waren Zeichen dafür, dass die Zeitlinie gestört war und er deutete darauf.
»Was ist hiermit? Könnte sie hier sein?« Richard drehte sich in Richtung des Rechners und überflog kurz die Daten, die er ausspuckte. Betrübt blickte er zu seinem Neffen hin und schüttelte bedauernd den Kopf.
   »Nein, dort haben wir Markus hingeschickt. Er ist in Rom, kurz nach Christi Geburt und versucht die Ermordung von Augustus zu verhindern. Ich glaube nicht, dass Laura sich dort befindet. Ich habe alles geprüft und es sind nur zwei Zeitlinien gestört. Die im alten Rom und eine in Frankreich, 17. Jahrhundert. Wie üblich haben wir Lars eingesetzt. 
   »Lars? Er war doch derjenige, der Laura vor dem Auto gerettet hat, hast du ihn etwa danach auf Reise geschickt?«, hakte Phil nach. 
   »Ja, nicht lange nach Lauras Zwischenfall mit dem Auto, tauchte eine Störung auf. Es sollte aber nur ein kurzer Einsatz sein. Er soll einen Anschlag auf Ludwig, den Dreizehnten verhindern. Im Grunde genommen ein ganz einfacher Auftrag. Anscheinend fühlt Klaus sich in dieser Zeit ziemlich wohl. So viele Einsätze, wie in diesem Jahrhundert haben wir kaum in anderen Epochen zu verzeichnen. Merkwürdig, wenn man bedenkt, dass Französisch nicht zu seinen Lieblingsfächern in der Schule gehörte, aber vielleicht haben es ihm die Annehmlichkeiten des Hofes angetan. Jedenfalls muss Lars sich nicht mehr allzu sehr auf seine Einsätze vorbereiten, wenn er andauernd vor Ort ist. Wenn das so weitergeht, müssen wir schauen, ob wir nicht einen zweiten Mann einstellen, es könnte für einen alleine zu viel werden.« Ungeduldig wartete Phil ab, bis Richard zu Ende gesprochen hatte. Er mochte Lars, der einen zuverlässigen Eindruck auf ihn machte, ohne überheblich zu wirken. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre er sicherlich geneigter gewesen, sich den Problemen zu widmen, denen sein Kollege sich stellen musste, doch im Augenblick war ihm die Klärung der Frage nach dem Verbleib Lauras wesentlich wichtiger. 
   »Jetzt wo ich weiß, dass der arme Lars zu viel arbeitet, könnten wir uns vielleicht wieder den wichtigen Themen widmen? Wie zum Beispiel der Lösung des Rätsels, wo Laura ist?« Mit gequältem Gesichtsausdruck schaute Richard Lermin zu seinem Neffen auf. Das Gesicht, dass sein Onkel machte, gefiel Phil nicht und er wusste schon vorher, dass er das, was kommen würde, nicht leiden konnte. 
   »Ich befürchte, dass Laura uns die ganze Zeit an der Nase herumgeführt hat und für Klaus arbeitet«, hörte er Richard sodann mit Grabesstimme sagen. 


Wutentbrannt starrte Phil seinen Onkel an. Er musste sich verhört haben. Ein Blick in das sorgenvolle Gesicht Richards überzeugte ihn jedoch vom Gegenteil. 
   »Nein, niemals«, widersprach er lautstark. Alleine der Gedanke daran war so abwegig, dass er ihn nicht zu Ende denken wollte. Nicht Laura, nein, das durfte nicht sein. Sie war keine Verräterin.
   »Ich mag es selbst nicht glauben. Der Gedanke, dass ich mich so ihn ihr geirrt haben könnte, tut weh. Aber ist es nicht merkwürdig, dass Laura keinerlei Zeugen für ihre Unfälle hatte? Es hätten genauso gut Inszenierungen ihrerseits sein können, damit wir glauben, dass sie das Opfer ist.« 
   »Was ist mit Lars? Er hat sie angeblich vor dem Auto gerettet! Sobald er wieder zurück ist, fragst du ihn, ob es stimmt oder nicht. Du wirst sehen, dass du dich geirrt hast. Richard, es ist unmöglich, dass sie etwas mit Klaus zu schaffen hat!« Phils Stimme wurde immer lauter und sie hallte unnatürlich blechern in dem fensterlosen Raum. 
   »Gut, wir werden Lars fragen. Er wird sich sicherlich an den Vorgang erinnern können und sie entlasten.« Um Phil zu beruhigen, legte er ihm eine Hand auf den Arm, doch dieser stieß sie nur von sich und sah ihn kalt an. Er konnte nicht verstehen, wieso sein Onkel auf den Gedanken kam, dass Laura sie hintergangen haben könnte. Es war Richard gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass Laura Zeitreisende geworden war. Sie war nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht und hatte sich langsam ihr Vertrauen erschlichen. Richard hatte sie ausgesucht und als seine Partnerin bestimmt. Wieso sollte sie eine Verräterin sein?
   »Und wenn es sich herausstellt, dass sie unschuldig ist, solltest du dich bei ihr entschuldigen, dass du auch nur den Hauch eines Zweifels an ihr hattest! Es gibt bestimmt Gründe für ihr Verschwinden, die nichts mit dem zu tun haben, was du suggerierst. Ich werde jetzt erst einmal das machen, was wir von Anfang an hätten tun sollen: Ich werde der Reihe nach alle Krankenhäuser anrufen und auch bei der Polizei nachfragen. Vielleicht wurde ihr schlecht und sie wollte nach frischer Luft schnappen. Und dann wurde sie ohnmächtig, ein Passant hat den Krankenwagen gerufen. Die Ersthelfer haben ihr Handy entdeckt und es ausgemacht!« Richard fühlte sich nicht wohl in der Rolle des Pessimisten und er hasste es, dass er seinem Neffen seine Illusionen rauben musste. 
   »Theoretisch wäre es möglich. Nur habe ich bei meiner Ankunft keinen Krankenwagen gesehen und auch sonst niemanden, der sich um eine hilfsbedürftige Person gekümmert hat. Wie viel Minuten sind vergangen, die du auf Toilette warst und ich aufgetaucht bin? Fünf, höchstens zehn Minuten? Selbst wenn der Krankenwagen sofort da gewesen wäre, er wäre niemals bei meiner Ankunft schon abgefahren. Philemon, ich weiß, dass sie etwas Besonderes für dich ist. Aber du solltest es in Erwägung ziehen, dass sie eventuell eine Verräterin ist.« Richards Worte waren wie Dolchstiche, die tief in sein Herz drangen und es bluten ließen. Logisch betrachtet, ergab diese Theorie Sinn, aber das musste noch lange nicht bedeuten, dass er sie glaubte. 
   »Es ist mir egal. Ich werde mich jetzt auf die Suche machen und du«, er fuchtelte mit seinem Zeigefinger mahnend in Augenhöhe seines Onkels, »du solltest die Zeitlinie weiter im Auge behalten, ob sich nicht doch etwas getan hat!« Mit diesen Worten drehte er sich auf dem Absatz um und verließ den Kontrollraum mit einem heftigen Knallen der Tür.