Sonntag, 20. Juli 2014

Das Experiment - Teil 3

Anfang des Jahres habe ich bekanntermaßen beschlossen, dass ich es doch einmal versuchen könnte, mit öffentlichen Verkehrsmittel zur Arbeit fahren könnte. Was ist eigentlich daraus geworden? 

Nun, was soll ich sagen? Ich fahre wieder mit dem Auto und muss das Experiment Bus und Bahn für gescheitert erklären. 

Woran lag es? Laut Fahrplanauskunft hätte die gesamte Fahrt nur eine Stunde gedauert. Das ist schon grenzwertig, aber wenn man bedenkt, dass ich ab und an auch gut und gerne mal bis zu einer Stunde mit dem Auto brauche, eine Überlegung wert. Aber diese Stunde Fahrzeit gab es leider nur auf dem Papier, in Wahrheit war ich knapp 90 Minuten unterwegs. Aus mir bis heute unerklärlichen Gründen fuhr die Bahn von meiner ersten Haltestelle bis zur nächsten immer im Schneckentempo, was natürlich Zeit kostete. Hinzu kamen Stopps am Frankfurter Flughafen und Hauptbahnhof, was selbstverständlich weitere Verspätungen mit sich brachte. Im Grunde genommen wäre das auch alles nicht so schlimm gewesen. Allerdings hat sich irgendein schlauer Fahrplanbastler gedacht, dass es doch toll sei, morgens um halb acht die Straßenbahn, in die ich umsteigen musste, nicht wie sonst im vier bis fünf Minuten Takt, sondern nur noch alle zehn bis zwölf Minuten fahren zu lassen. Kam meine S-Bahn entgegen aller Erwartungen pünktlich an, hatte ich sensationelle zwei Minuten Zeit, um vom zweiten Untergeschoss der S-Bahn-Station nach oben zu laufen und eine recht viel befahrene Straße zu überqueren um noch die Straßenbahn zu erreichen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich fast jedes Mal die Bahn nur noch von hinten zu sehen bekam. Was bedeutete, dass ich zwölf weitere Minuten an der frischen Luft verbringen durfte. Im Winter kein Vergnügen, denn der Wind blies permanent an dieser Ecke. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass der letzte Winter kein wirklicher war, sondern eher ein zu kalt geratener Frühling. Ich mag gar nicht daran denken, wie es dort wäre, wenn wir tatsächlich mal Winter hätten. 

Jetzt könnte ja jemand auf die Idee kommen und sagen, dass ich doch dann einfach früher oder später losfahren könnte, wenn da die Straßenbahnen besser fahren. Könnte ich ... Rein theoretisch. Aber da spielte dann der Busfahrplan, der mich zum Bahnhof bringen sollte, nicht mit.  Egal, wie man es drehte und wendete, ich war fast immer 90 Minuten unterwegs. Außerdem hätte ich, um früher zu fahren, das Haus um zehn nach sechs verlassen müssen ... 
Die Heimfahrten waren eigentlich besser, da passte es besser zusammen, solange ich das mit meiner Busverbindung nach Hause abgestimmt hatte. 

Irgendwie nervte es mich, dass ich morgens noch viel länger unterwegs war als vorher, auch wenn ich selbst weniger Stress dabei hatte. Wer weiß, ob ich das nicht vielleicht doch auf Dauer gemacht hätte, wenn nicht mit einem Mal meine morgendliche Stauecke von heute auf morgen nicht mehr existierte. Ich stand jeden Morgen zehn bis fünfzehn Minuten an der gleichen Ecke, bis irgendwelche netten Menschen auf die Idee kamen, dass man die Strecke an der Stelle zweispurig lassen kann und es gar nicht nötig ist, das ganze auf eine Spur zu verengen. Mit einem Schlag hatte sich meine Fahrtzeit verkürzt und ich brauche seitdem eigentlich nur noch 30 Minuten ins Büro. Wenn man das mit den 90 Minuten der Bahn vergleicht, ist das schon ein enormer Unterschied. Abends stehe ich ab und an mal im dichten Verkehr, doch trotzdem ist der Zeitaufwand geringer als mit der Bahn. 

Klar kann ich jetzt nicht mehr unterwegs lesen oder an meinem Buch schreiben, was vielleicht ein Nachteil ist, aber ich bin auch flexibler. Ich bin nicht auf die Minute genau getaktet und muss nicht aufpassen, dass ich nicht zu spät aus dem Büro gehe, da ich ansonsten die Bahn verpasse. Außerdem höre ich jetzt mehr Hörbücher als vorher, was im entferntesten Sinne auch lesen ist, nur mit den Ohren. 

In den ganzen Wochen meines Experiments hatte ich allerdings nur einmal eine ausgefallene Bahn, keinen Personenschaden und die Verspätungen waren unter zehn Minuten! Würde ich direkt in Frankfurt wohnen oder mein Büro im Zentrum Frankfurts liegen, würde ich mir das mit den Öffentlichen noch mal überlegen, aber so muss ich das Experiment Bahn bis auf wenige Ausnahmen für beendet erklären. 

Es gibt nämlich doch noch Tage, an denen ich die Bahn nutze und zwar an Tagen vor langen Wochenenden. Irgendwie scheint dann ganz Deutschland auf der A3 zu sein und es muss nur ein Unfall dazwischen kommen und ich bin noch länger mit dem Auto unterwegs als mit der Bahn. Das sind die Tage, an denen ich mir meinen Kindle schnappe und es genieße, dass ich nicht mit den anderen Autos auf der Autobahn spielen muss.