Sonntag, 14. September 2014

Appetithäppchen

Heute habe ich die magische Grenze von 100.000 Worten des vierten Teils überschritten. Als ich vor drei Jahren anfing, den ersten Band von "Einsatzort Vergangenheit" zu schreiben, war die Vorstellung, dass ich überhaupt jemals mehr als 50.000 Worte schreiben könnte, unvorstellbar für mich. Inzwischen sind drei Jahre vergangen und ich habe in dieser Zeit über 400.000 Worte geschrieben. Darum gibt es heute zur Feier des Tages einen kleinen Ausschnitt aus Teil Vier. Natürlich wie immer in der Rohfassung und völlig unkorrigiert :-) 

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen! 



»Du bist selbstverständlich noch nie von deinem Chef nach Feierabend angerufen worden, oder?«, fragte ich, wohl wissend, dass das schon häufiger als ihr lieb war, vorgekommen war. Sie verdrehte die Augen und sah mich finster an.
»Du weißt genauso gut wie ich, dass der alte Lehmann andauernd anruft. Aber ich arbeite bei einer Werbeagentur, wo so etwas häufiger vorkommt, als in einer Kostümwerkstatt.« Damit Tom Marie nicht wegen sämtlicher Belange seiner Arbeit anlügen musste, hatte er ihr erklärt, er sei in einem Unternehmen beschäftigt, das sich auf Produktionen historischer Filme und Dokumentationen spezialisiert hatte und er der Leiter der Requisitenabteilung war.
»Warum? Seit wann steht geschrieben, dass Filme nur tagsüber gedreht werden dürfen? Stell dir vor, sie sind gerade dabei eine Nachtszene zu drehen und sie stellen fest, dass die Figur, die den alten Fritz darstellen sollte, sich die Hose zerrissen hat. Wen sollen sie sonst anrufen, wenn nicht Tom?«, versuchte ich sie zu beruhigen. Der Kellner näherte sich mit einer Vielzahl kleiner Tapasschälchen und bereitete sich auf dem Tisch aus. Beim Anblick der vielen Teller wurde mir klar, dass meine Augen wohl wieder einmal größer als mein Magen gewesen waren. Aber die Auswahl der Tapas war riesig und sich auf nur auf ein oder zwei zu beschränken, war nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.Ich nahm den ersten Bissen meines Hähnchens in Orangensoße und verdrehte glückselig die Augen. Auf solche Köstlichkeiten hatte ich in den letzten Monaten viel zu oft verzichten müssen. Marie nahm ebenfalls etwas von einem der Teller und kostete, bevor sie weitersprach.
»Ich weiß, aber diese merkwürdigen Anrufe häufen sich und was mich noch viel mehr aufregt, ist die Tatsache, dass er jedes Mal den Raum verlässt, sobald sein Telefon klingelt. Das finde ich einfach nicht normal.« Sie hatte sich richtig in Rage geredet und biss mit Wut auf die arme Garnele, die sie auf ihre Gabel aufgespießt  hatte. Sie musste mir nicht erzählen, dass sich die Anrufe in letzter Zeit gehäuft hatten. Die Anzahl der Zeitreisen, die ich in den letzten Tagen gemacht hatte, verrieten es mir auch so  Wir mussten hier etwas verhindern, dort eine Blockade lösen. Phil und ich hatten den Eindruck, dass Klaus uns nicht mehr zum Verschnaufen kommen lassen wollte. Er plante etwas und das alles war nur sein harmloses Vorspiel.    
»Vertraust du Tom?«, fragte ich vorsichtig. Marie schaute mich verständnislos an.
»Ich habe dir gerade erzählt, dass ich sein Verhalten mehr als seltsam finde und du fragst mich, ob ich ihm vertraue?«
»Gehen wir mal davon aus, dass er einfach diese dämliche Angewohnheit hat, bei Telefonaten aus dem Raum zu gehen. Gibt es sonst Hinweise darauf, dass er etwas zu verbergen hat?« Ich wusste, dass ich mich auf gefährliches Terrain begab, aber manchmal war Angriff die beste Verteidigung. Marie runzelte nachdenklich die Stirn und kaute gedankenverloren auf einem Stück Entenbrust herum.
»Ich durfte ihn noch nie von der Arbeit abholen. Im Grunde genommen könnte er sonst wo arbeiten, ich kann es nicht überprüfen«, sagte sie schließlich.
»Wenn ich das also richtig sehe, hast du nur ein Problem mit seiner Arbeit? Warum machst du dann so ein Theater drum? Wäre er Chemiker und würde in einer Chemiefabrik arbeiten, könntest du ihn vermutlich ebenso wenig von der Arbeit abholen, wie jetzt. Ansonsten scheint alles in Ordnung zu sein. Ich habe gesehen, wie Tom dich anbetet. Marie, er ist in dich verliebt. Mach es nicht kaputt, nur weil er die Arbeit von seiner Freizeit trennt. Du hast es verdient, glücklich zu werden und ich bin überzeugt davon, dass Tom gut für dich ist.« Ich nahm einen Schluck Wasser und wartete ihre Reaktion ab. Nachdenklich tippte sie mit den Fingerkuppen auf die Tischplatte. Das Klingeln meines Handys schreckte mich auf und ich suchte in meiner Tasche nach meinem Mobiltelefon. Beim Blick auf das Display konnte ich ein leises Stöhnen nicht unterdrücken. Der Anruf konnte nur eines bedeuten. Fragend sah Marie mich an, doch für eine Antwort war es zu spät, ich hatte bereits das Gespräch angenommen.
»Laura, hier. Was gibt es?«, fragte ich leise.
»Laura, es tut mir leid, dass ich dich stören muss, aber wir haben hier eine Situation, die ihr noch heute Abend klären müsst«, drang Richards Stimme zu mir. Unwillig verzog ich das Gesicht.
»Das kommt ziemlich unpassend.«
»Wenn es dir ungelegen kommt, kann ich Philemon auch ohne dich losschicken.« Dieser gerissene, alte Fuchs! Er wusste genau, dass Phil nicht mehr alleine reisen würde.
»Ausgeschlossen. Wir haben eine Abmachung! Ich bin in einer halben Stunde bei euch«, blaffte ich ihn durchs Telefon an. Marie sah mich mit großen Augen an. Ich winkte dem Kellner und bat ihn mir meine Rechnung zu bringen.
»Es tut mir leid, Marie. Ich muss leider gehen, der Anruf ... Das war ziemlich dringend ...« ich stotterte und suchte nach Worten. Wie konnte ich ihr erklären, dass ich ihr nichts erklären konnte. Wieder klingelte mein Handy. Dieses Mal war es Phil.
»Ich weiß Bescheid«, sagte ich anstelle einer Begrüßung. Ich hörte Phil durchs Telefon seufzen.
»Ich weiß, wie sehr du dich auf dein Treffen mit Marie gefreut hast. Ich hätte auch kein Problem ausnahmsweise ohne dich zu reisen«, antwortete er. Ich sah zu Marie, die meinem Gespräch interessiert lauschte. Kein Wunder, dass Tom immer den Raum verließ. Ihre Ohren schienen zu Rhabarberblättern geworden zu sein, so sehr bemühte sie sich, unser Gespräch mitzubekommen. Ich stand auf und verließ das Lokal.
»Phil, wir haben uns darauf geeinigt, dass du nicht mehr alleine reist. Die Gefahr ist zu groß! Ich bin in einer halben Stunde im Büro und wir machen das zusammen.« Im Lokal war ich davon ausgegangen, dass die schlechte Verbindung dem Restaurant geschuldet war, doch das Rauschen in der Leitung ließ mich darauf rückschließen, dass Phil im Auto saß und bereits auf dem Weg in die Zentrale war.
»Wenn du mit mir fährst, bist du in 20 Minuten da.« Lächelnd verdrehte ich die Augen. Es wunderte mich, dass er bei seinem Fahrstil noch nie ein Knöllchen oder Punkte bekommen hatte. Er musste mir unbedingt verraten, wie er  das machte.
»Gut, ich warte im Restaurant auf dich. Bis gleich«, verabschiedete ich mich und ging zurück zu Marie. Sie musterte mich stumm und wartete darauf, dass ich ihr erklärte, was das Ganze sollte.
»Das war Phil. Wir müssen zu einer Veranstaltung seines Onkels. Irgendwie hatten die beiden vergessen mir zu sagen, dass ebenfalls auftauchen soll«, plapperte ich drauf los und hoffte, dass Phil bald käme. Marie zog einen Flunsch.
»Toll, da habe ich nicht nur einen Freund, der von jetzt auf gleich verschwindet, sondern auch noch eine Freundin, die es ihm gleich tut. Ich könnte beinahe auf den Gedanken kommen, dass ihr unter einer Decke steckt.« Wenn sie wüsste, wie sehr sie mit ihrem Satz ins Schwarze getroffen hatte! Ich lachte künstlich auf und machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Marie!«, rief ich empört aus und warf einen sehnsüchtigen Blick in Richtung Tür. Wie auf Kommando öffnete sie sich und Phil trat ein.