Montag, 23. Februar 2015

Lesehäppchen: Einsatzort Vergangenheit - Für immer und immer

Heute ging das Manuskript an die Testleser. Für mich beginnt jetzt die Zeit des Wartens. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, wie deren Urteil ausfällt. Was, wenn es niemandem gefällt? Was, wenn ich mich in was verrannt habe? Die üblichen Ängste, die man vor einer Veröffentlichung nun einmal hat. Ich glaube, ich kann die nächsten Wochen vor Aufregung nicht schlafen ;-)

Da sich die Veröffentlichung leider etwas verzögert hat, gibt es heute noch ein kleines Bonbon für meine Leser. Ich teile heute mit euch das erste Kapitel von "Einsatzort Vergangenheit: Für immer und immer". Einen Ausschnitt daraus habe ich schon einmal vor ein paar Wochen veröffentlicht, nun gibt das gesamte erste Kapitel. Ich hoffe, dass es euch den Mund ein wenig wässrig macht und gleichzeitig die Wartezeit verkürzt. Derzeit plane ich das eBook in der ersten Märzhälfte zu veröffentlichen, es dauert also gar nicht mehr so lange.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen:-) 

   »Erinnere mich daran, dass ich in Zukunft im Unterricht meinen Schülern die Wahrheit erzähle: dass das ganze Gerede von ritterlichem Benehmen völliger Humbug ist!«, fluchte ich laut, während ich einem dieser ach so edlen Ritter wütend hinterherschaute. Offensichtlich hatte einer der Teilnehmer des Mainzer Hoftages die Straße, die Phil und ich entlanggingen, mit dem Turnierfeld verwechselt. Ohne Rücksicht auf Verluste war er in einem wilden Ritt an uns vorbeigaloppiert. Nur ein beherzter Sprung in den Straßengraben hatte mich im letzten Augenblick davor bewahrt, unter die Hufe des Schlachtrosses zu geraten. Phil streckte mir seine Hand entgegen und half mir auf. Erzürnt klopfte ich mir den Straßenstaub von meinen Kleidern und versuchte notdürftig, die schlimmsten Spuren zu beseitigen. Ross und Reiter waren längst hinter der nächsten Kurve verschwunden. Nur ein paar Staubwolken zeugten von ihrer Existenz, dennoch schaute ich weiter ungehalten den Weg hinab und verwünschte den wüsten Reiter in Gedanken.
   »Du weißt aber schon, dass sich Ritter hauptsächlich dem anderen Geschlecht gegenüber galant verhielten? In diesem Outfit kannst du dem Mann keinen Vorwurf machen«, erwiderte Phil mit einem Grinsen. Ich sah an mir herunter und seufzte. Phil hatte recht. Statt prachtvoller Kleider mit kunstvoll verzierten Borten und Edelsteinen trug ich die übliche Kluft eines ritterlichen Knappen. Als Phil und ich die Entscheidung getroffen hatten, zum Turnier nach Mainz zu reisen, waren wir schnell übereingekommen, dass ich in die Rolle eines Mannes schlüpfen sollte. Derart verkleidet musste Phil sich nicht andauernd Sorgen um meine Sicherheit machen und wir konnten uns ganz auf unser Vorhaben konzentrieren. Auf den ersten oder zweiten Blick sah ich auch tatsächlich aus wie ein junger Mann. Erst von Nahem und bei genauerem Hinsehen stellte man fest, dass ich nicht derjenige war, der ich vorgab zu sein. Sobald ich den Mund aufmachte, war die Illusion sowieso vorbei. Meine Stimme war zu hell und viel zu weiblich, darum überließ ich Phil das Reden.
   »Ach, nur weil ich als Mann durchgehen könnte, darf dieser Kerl mich mit seinem Pferd über den Haufen rennen?«, fragte ich leicht verstimmt.
»Du willst mir nicht weismachen, dass dein Zorn sich nur gegen den Ritter richtet, oder?«, entgegnete mir Phil mit sanfter Stimme. Wie so oft hatte mein Verlobter mich durchschaut. Mein Unmut richtete sich nicht nur gegen den ungehobelten Reiter. Er hatte mit der Gesamtsituation zu tun. Wir waren vor drei Tagen im Jahr 1184 angekommen, in der Hoffnung, eine Spur von Klaus und Richard zu finden. Mit eigenen Augen wollten wir sehen, was zwischen den beiden vorgefallen war. Doch nichts dergleichen hatten wir erreicht, dafür waren einfach viel zu viele Menschen vor Ort.

Vor dem Antritt unserer Reise hatte ich diverse Quellen über das Fest studiert und von fast 70.000 Teilnehmern gelesen. Allerdings hatte ich die Schilderungen für maßlos übertrieben gehalten und war von einer wesentlich geringeren Anzahl ausgegangen. Kurz nach unserer Ankunft hatte ich meine Meinung schnell revidiert: Auf der Maaraue war die Hölle los. Kaiser Friedrich I., auch Barbarossa genannt, hatte zu diesem Hoftag eingeladen. Es hatte den Anschein, dass jeder Ritter, Gefolgsmann und Adelige des Landes sich diese Chance nicht hatte entgehen lassen wollen. Während meiner Studienzeit in Mainz hatte ich einige schöne Stunden an diesem Fleckchen verbracht, wo Rhein und Main sich trafen. An lauen Sommerabenden war die Wiese am Rheinufer von grillenden oder einfach nur faul herumliegenden Studenten und jungen Familien übersät gewesen. Doch was ich nun im 12. Jahrhundert vorfand, übertraf diese Bilder bei weitem. Der Kaiser hatte ein richtiges Dorf errichten lassen, komplett mit hölzerner Pfalz, Kirche und anderen Häusern. Wer nicht das Glück hatte, in diesen Gebäuden unterzukommen, verbrachte die Nacht in einem der dicht an dicht stehenden Zelte. An jeder Ecke gab es etwas anderes zu bestaunen. Gaukler, Spielmänner und andere fahrende Künstler gaben ihr Können zum Besten. Wen das nicht interessierte, der konnte sein Glück beim Spielen versuchen. Besonderer Beliebtheit erfreute sich das Spiel Trick-Track - ein Vorläufer des heutigen Backgammon.
Es wurde nie still an diesem Ort, selbst nachts verstummten die Geräusche nicht. Unentwegt hörte man Pferde wiehern, Hühner gackern und Schweine grunzen, von den Lauten, die die Menschen von sich gaben, ganz zu schweigen. Hoftage hatte es unter Barbarossa schon einige gegeben. Dieser aber, bei dem seine Söhne die Schwertleite erhielten, war ein Fest, das seinesgleichen suchte. Wären Phil und ich nicht mit dem Vorsatz hierhergekommen, die jüngeren Versionen von Klaus und Richard zu finden, wir hätten uns sicherlich dem bunten Treiben angeschlossen und es genossen, als stille Beobachter dabei zu sein. Bereits nach dem ersten Tag war uns allerdings klar geworden, wie irrsinnig unsere Idee gewesen war und dass wir genauso gut eine Nadel im Heuhaufen hätten suchen können. Der Erfolg wäre der gleiche. Seit Tagen hatte ich nur wenige Stunden geschlafen, und wenn, dann war es ein äußerst unruhiger Schlaf gewesen. All diese Punkte zusammengezählt sorgten dafür, dass meine Laune auf dem Tiefpunkt war. Der Ritter, der mich fast über den Haufen geritten hätte, brachte nun das Fass beinahe zum Überlaufen. Wütend trat ich ein paar Steinchen zur Seite, die auf dem Weg herumlagen. Wir hatten uns ein gutes Stück vom Festgelände entfernt und die Geräusche der Menschen und Tiere verschmolzen zu einem unregelmäßigen Summen.
   »Du weißt genau, dass ich die Hoffnung hatte, Klaus und Richard zu finden. Wer hätte denn damit rechnen können, dass es hier voller sein wird als bei einem Auftritt von Mario Barth?«, erwiderte ich leicht trotzig. Phil lachte kurz auf.
   »Nun, ich würde sagen, die Quellen über den Mainzer Hoftag sprachen eine eindeutige Sprache. Aber ich verstehe dich zu gut. Ich hatte auch gehofft, dass wir sie finden würden.«

Nicht lange nach meiner Rückkehr aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart hatten Phil und ich beschlossen, dass wir selbst aktiv werden mussten. Wir wollten auf eigene Faust herausfinden, was Richard uns verschwieg. Tom hatte zwar etwas erstaunt reagiert, als wir ihn baten, Kleider für eine private Reise zu organisieren, doch er hatte, ohne genauer nachzufragen, die entsprechende Kleidung für uns besorgt. Meine Verkleidung hatte er sich von einem anderen Zeitreisenden geliehen und für meine Zwecke angepasst. Nun blieb nur zu wünschen übrig, dass er Richard gegenüber schwieg. Er hatte uns sein Wort gegeben, aber man wusste nie, in welche Situation er geraten könnte. Wir waren überzeugt, dass es Richard nicht recht war, wenn wir in seiner Vergangenheit herumschnüffelten. Es war einfach zu viel geschehen, als dass wir die Dinge einfach weiter laufen lassen konnten wie bisher.
»Morgen wird der Hoftag beendet sein, und wenn wir bis dahin die beiden nicht ausfindig gemacht haben, werden wir niemals hierher zurückkehren können«, sprach ich mehr mit mir selbst als mit Phil.
»Einen Schritt weiter, oder wir schneiden euch die Kehle durch«, unterbrach eine männliche Stimme meine Gedankengänge. Verwirrt sah ich mich um und blickte direkt auf die Spitze eines Schwerts, das sich mir gefährlich näherte. Ich schluckte und drehte mich in die andere Richtung, nur um zu sehen, dass auch dort ein zerlumpter Mann mit einem Schwert in der Hand uns drohte. Es knackte im Gebüsch und ein weiterer Mann trat aus dem Dickicht heraus und auf uns zu. Er war ebenfalls bewaffnet, jedoch nur mit einem langen Dolch. Schnell warf ich Phil einen Blick zu. Er versuchte, unbemerkt sein Schwert aus der Scheide zu ziehen, was sein Gegenüber jedoch sogleich bemerkte und ihm das Schwert an die Kehle setzte.
   »Du sprichst vielleicht nicht unsere Sprache, aber das wirst du sicherlich verstehen«, zischte er und lachte dann laut auf. Dabei zeigte er seine schwarzen, zu Stummeln verkommenen Zähne. Seine Kameraden fielen in das Lachen ein. Zuerst verstand ich nicht, was er damit meinte, dass wir seine Sprache nicht beherrschten, doch dann wurde es mir klar. Unser modernes Deutsch musste in seinen Ohren wie eine Fremdsprache klingen. Umgekehrt war es mir mit dem Mittelhochdeutsch, das hier gesprochen wurde, gegangen. Ich verstand es recht gut, tat mich aber immer noch schwer mit der Aussprache und Grammatik, die sich sehr von der heutigen unterschieden. Phil ließ seine Hand sinken und starrte seinen Angreifer erzürnt an.
»Ich verstehe sehr genau, was du meinst, und ich rate dir, dich nicht mit dem Falschen anzulegen«, knurrte Phil mit gefährlich leiser Stimme. Wieder lachten die anderen.
   »Habt ihr das gehört? Der edle Herr spricht unsere Sprache und droht uns. Ich mach’ mir gleich die Bruche nass«, johlte einer der Räuber und schlug sich lachend auf die Oberschenkel.
»Die feinen Herren sehen nicht so aus, als hätten sie außerhalb des Turnierplatzes schon einmal einen Kampf gewagt«, fiel der nächste ein, dabei fuchtelte er mit seinem Schwert gefährlich nahe vor meinem Gesicht herum. Nervös überlegte ich, was ich tun könnte. In einem hatten die Räuber recht: Ich hatte keinerlei Ahnung davon, wie ich mit einem Schwert umzugehen hatte. Das Schwert an meiner Hüfte war lediglich eine Attrappe, ein echtes wäre viel zu schwer für mich geworden. Ich hatte spaßeshalber einmal das von Phil in die Hand genommen. Obwohl ich beide Hände benutzt hatte, fühlte es sich an wie ein Sack Blei und nach wenigen Sekunden hatte ich es wieder aus der Hand gegeben. Nein, für den Kampf war ich definitiv nicht geeignet. Für Phil galten diese Regeln allerdings nicht - er war im Umgang mit dieser Waffe geübt. Er musste nur einen Weg finden, an sein Schwert zu kommen.
   »Was wollt ihr von uns?«, fragte Phil verächtlich.
   »Bestimmt nicht euren Segen und Gottes Geleit. Wir wollen nur euer Bestes und am liebsten goldglänzend. Also her damit! Mit deinem Schwert fangen wir an, aber keine Dummheiten«, sagte derjenige der Männer an mich gewandt, der eine Art Anführer zu sein schien. Er war älter als die anderen und seine Wortwahl und die Art, wie er sich ausdrückte, gaben zu erkennen, dass er nicht sein ganzes Leben lang diesem Räubergesindel angehört hatte. Mein Schwert durfte er gerne haben, befand ich. Vorsichtig löste ich den Ledergürtel, mit dessen Hilfe ich mir meine vermeintliche Waffe um die Hüfte gebunden hatte. Ich ließ alles zu Boden fallen und schob es dann langsam mit dem Fuß in Richtung des Anführers. Die Augen unserer Angreifer leuchteten bei dem Anblick des mit Edelsteinen verzierten Knaufs. Sie konnten ja nicht ahnen, dass es völlig wertlose synthetische Edelsteine waren. Sie schienen sich nicht sattsehen zu können an den glitzernden Steinen. Einer der Diebe ging in die Knie, um sich das Kunstwerk näher anzusehen. Dieser kleine Moment der Unachtsamkeit genügte Phil. In einer blitzschnellen Bewegung zog er sein Schwert hervor und einen kleinen Dolch, den er unter seiner Tunika verborgen getragen hatte. Keinen Augenblick später hatte er dem am Boden knienden Mann mit seinem Schwert den Arm durchbohrt und es gleich darauf wieder herausgezogen. Helles Blut sprudelte aus der Wunde und der Verletzte schrie vor Schmerzen auf. Mit der linken Hand hielt er sich den tiefen Schnitt und fluchte lauthals.
   »Nehmt das Schwert und verschwindet schleunigst, wenn ihr nicht weitere Bekanntschaft mit meinen Waffen machen wollt«, drohte Phil ihnen. Seine Augen blitzten vor Zorn. Ich hatte die Zeit von Phils Angriff genutzt und ebenfalls meinen kleinen, aber scharfen Dolch gezogen. Mit einem Riesenschrei der Empörung stürzten sich die beiden Unverletzten auf uns. Funken sprühten, als Eisen gegen Eisen schlug, und Phil versuchte, die beiden Räuber gleichzeitig im Schach zu halten. Im Eifer des Gefechts hatten wir jedoch beide nicht mehr an den verletzten Räuber gedacht. Ein leichtsinniger Fehler, wie ich schnell feststellen musste, als ich mit einem Mal den kalten Stahl einer Schwertklinge an meinem Hals spürte.
   »Noch eine Bewegung oder euer hübscher Knappe wird es bitter bereuen«, raunte er und verstärkte den Druck auf meinen Hals. Sein fauliger Atem raubte mir die Luft und mir wurde kurz übel, dann riss ich mich zusammen. Phil senkte sein Schwert und starrte in meine Richtung. Fast unmerklich signalisierte ich ihm, dass er nicht aufgeben durfte. Nicht meinetwegen. Er schien verstanden zu haben und drehte sich sofort wieder in die Richtung der anderen beiden Angreifer. Der Druck der Klinge auf meiner Kehle verstärkte sich. Obwohl ich mich schrecklich vor diesem verdreckten und verlausten Gesellen ekelte, tat ich das Einzige, was ich in dieser Situation tun konnte: Mit all meiner Kraft biss ich beherzt in die Hand, die das Schwert hielt. Ein Schmerzensschrei gellte durch die Luft und mein Angreifer ließ seine Waffe fallen. Nun galt es, schnell zu sein. Ich ließ von ihm ab und wirbelte herum. Ehe der räudige Mistkerl begreifen konnte, was geschehen war, hatte ich ihm einen wohlverdienten Tritt in die Weichteile gegeben. Ein weiterer Schrei entwich seiner Kehle und wimmernd hielt er die Hände vor seine Kronjuwelen. Mit meinem Dolch in der Hand näherte ich mich ihm. Ich hatte eine solche Wut auf ihn, dass ich für nichts garantieren konnte. Mein Anblick alleine musste so fürchterlich auf ihn wirken, dass er sich aufrappelte und wie von der Tarantel gestochen das Weite suchte. Ich spürte den Geschmack von Blut auf meinen Lippen und wischte mir mit der Hand den Mund ab. Meinen Ekel würgte ich mit knapper Not herunter, als mein Blick flüchtig auf die rot verschmierte Hand fiel. Hoffentlich hatte Dr. Schmitzke mich gegen alle möglichen und unmöglichen Krankheiten geimpft. Ich hatte keine Lust, wegen einer Lappalie wie dieser draufzugehen.
Ich hob das Schwert auf, das mein Angreifer fallengelassen hatte. Vielleicht konnte ich nicht damit umgehen, aber ich durfte den anderen beiden keine Gelegenheit geben, eine weitere Waffe in ihre Hände zu bekommen. Noch immer gegen die Übelkeit kämpfend drehte ich mich in die Richtung, in der Phil gegen die beiden Mistkerle kämpfte. Mit aller Kraft parierte er einen Schlag nach dem anderen. Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Ich fragte mich, wie lange er gegen die beiden angehen konnte. Phil mochte geschickt sein im Umgang mit dem Schwert, aber er war kein Übermensch. Irgendwann mussten seine Kräfte schwinden. Ich wusste, dass ich weder mit dem Schwert noch dem Dolch etwas ausrichten konnte. Ich musste sie überraschen, ablenken. Nur wie? Ich hatte nichts zur Hand und der staubige Feldweg gab nicht viel her. Staubiger Feldweg? Ein Geistesblitz durchzuckte mich und plötzlich hatte ich eine Ahnung, wie ich Phil helfen konnte. Flink warf ich das Schwert zur Seite und kniete mich nieder. Ich versuchte, so viel Staub und Dreck einzusammeln, wie meine Hand nur fassen konnte . Mit der einen Hand nach unten gesenkt und der anderen den Dolch vor mich haltend, näherte ich mich vorsichtig den Kämpfenden. Mit Genugtuung stellte ich fest, dass Phils Gegner langsam außer Atem kamen. Mit jedem Schlag, den sie parieren mussten, fiel es ihnen offensichtlich schwerer, Herr ihrer Kräfte zu bleiben. Es war jetzt offensichtlich, dass sie nicht im Umgang mit der Waffe trainiert worden waren und sie so einsetzten, wie sie glaubten, dass es richtig war. Ihnen fehlte jegliche Technik und sie verausgabten sich schneller als Phil. Ich kam an Phils Seite zum Stehen und streckte meinen Dolcharm noch etwas weiter nach vorne. Für einen Augenblick hielten alle in ihren Bewegungen inne und starrten in meine Richtung. Das war meine Chance. Im Bruchteil einer Sekunde schleuderte ich den Staub und Sand dem Gesicht des mir am nächsten stehenden Angreifers entgegen. Er fluchte laut und ließ sein Schwert sinken. Die wüstesten Beschimpfungen gegen mich ausstoßend, rieb er sich die Augen. Derart abgelenkt bekam er nicht mit, wie ich mich ihm näherte und ihm, wie seinem Kumpel zuvor, einen wohl platzierten Tritt verpasste.
   »Du elender Sohn einer Hure, dafür sollst du in der Hölle schmoren«, schrie er und sank in die Knie. Phil nutzte die Gelegenheit und stürzte sich mit aller Gewalt auf den übrig gebliebenen Dieb. Währenddessen richtete ich meinen Dolch auf den Kerl vor mir, der sich vor Schmerzen wand. Es war besser, kein Risiko einzugehen. Was Phil zuvor bei zwei Angreifern schwergefallen war, war nun ein Leichtes für ihn. Mit wenigen Schlägen hatte er seinen Gegner entwaffnet und richtete sein Schwert auf ihn. Sein Gegenüber trug nur eine einfache Tunika und war völlig schutzlos. Die nackte Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er wusste, dass es vorbei war. Statt sich jedoch zu ergeben, machte er auf dem Absatz kehrt und rannte davon, als sei der Teufel hinter ihm her. Seinen Kameraden ließ er schmählich im Stich. Dieser lag noch immer am Boden und wimmerte vor Schmerz. Ich musste ihn richtig gut erwischt haben. Ich hoffte, dass er lange an mich denken und ihm dabei jedes Mal ein Schauder des Entsetzens über den Rücken laufen würde.

»Hätte ich gewusst, dass du das alleine kannst, hätte ich mich zurückgelehnt und alles gemütlich beobachtet, anstatt bis aufs Blut zu kämpfen«, zog Phil mich auf, als er sich zu mir und dem letzten Räuber gesellte. Ich sah ihn mir genauer an und musste grinsen. Er hatte einige harmlose Kratzer abbekommen, aber von einem Kampf bis aufs Blut konnte keine Rede sein. Mit ein bisschen Jod würden diese Wunden innerhalb kürzester Zeit verheilen. Es würden nicht einmal Narben zurückbleiben.
   »Ich hatte Glück, es hätte auch anders ausgehen können. Was machen wir mit dem hier?«, fragte ich und wies mit dem Kopf in die Richtung des von seinen Kumpanen verlassenen Räubers.
   »Wie heißt du?«, herrschte Phil ihn an. Der Zurückgelassene krümmte sich weiterhin am Boden und ließ Verwünschungen von sich, die zartbesaiteten Menschen die Schamesröte ins Gesicht treiben konnten. Als Phil das Wort an ihn richtete, hielt er inne und hob seinen Kopf. Trotzig und erzürnt blickte er uns an.
   »Man nennt mich Gensfleisch, aber was interessiert es euch?«, gab er zur Antwort. Bei der Nennung seines Namens tauschten Phil und ich einen verdutzten Blick.
   »Nun Gensfleisch, ich muss etwas von dir wissen«, begann Phil. Gensfleisch starrte uns zunächst nur an und spuckte dann vor unsere Füße.
»Und wer sagt, dass ich euch verrate, was ihr wissen wollt?« Er versuchte, sich zu erheben, wurde jedoch von Phils Schwert davon abgehalten. Mit der Spitze hob Phil sein Kinn an. Mehr war nicht vonnöten. Abwehrend hob Gensfleisch die Hände in die Höhe.
   »Ist ja gut, kein Grund mich aufzuspießen. Also, was ist euer Begehr?« Wieder war ich von seiner Wortwahl überrascht. Für einen Dieb drückte er sich ziemlich gewählt aus.
   »Haben du oder deine Kameraden in den letzten Tagen zwei Edelleute hier überfallen?« Gensfleisch verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
»Ihr meint außer Euch beiden?« Der Druck von Phils Schwert verstärkte sich und ein kleiner Blutstropfen rann Gensfleischs Kinn herab.
   »Ich mache keine Witze, also raus mit der Sprache. Habt ihr zwei Edelleute überfallen oder nicht?« Unser Gegenüber schüttelte den Kopf. Phils imposante Gestalt und seine tiefe Stimme flößten ihm offensichtlich Angst ein.
   »Wenn ich etwas darüber wüsste, was würdet ihr mit mir machen?« Er wollte trotz seiner misslichen Lage mit uns handeln. Mut hatte er, das musste ich ihm lassen.
   »Das kann ich dir nicht sagen, es kommt darauf an, was du uns mitzuteilen hast. Sieh’ ein, dass du den Kürzeren gezogen hast. Hier wird nicht gehandelt, also raus mit der Sprache: Was weißt du?« Phils ruhige Art und sein sanfter Tonfall schienen Gensfleisch noch weitaus mehr einzuschüchtern als sein Aufbrausen zuvor.
   »Wir haben niemanden überfallen, aber im Lager ist die Rede von zwei Männern, die sich abseits des Turniers einen erbitterten Kampf geliefert haben. Es war vor zwei Tagen, nicht weit von hier. Mehr weiß ich nicht, mein Herr, und das ist die Wahrheit!« Ich war geneigt, ihm zu glauben. Immerhin hatte er von sich aus berichtet, dass die beiden miteinander gekämpft hatten, danach hatte Phil nicht gefragt. Phil sah mich an.
   »Was meinst du?«, wollte er wissen. Ich zuckte etwas ratlos mit den Schultern.
   »Was weißt du über den Verbleib der beiden?«, wandte ich mich an Gensfleisch. Ich bemühte mich nicht einmal, meiner Stimme einen tiefen, männlichen Tonfall zu verleihen. Sollte er ruhig wissen, dass er von einer Frau besiegt worden war. Seine Augen weiteten sich beim Klang meiner hellen Stimme vor Überraschung und glommen feindselig.
   »Bin ich deren Amme? Nichts weiß ich. Es haben nur einige im Lager erzählt, dass sie Zeuge eines blutigen Kampfes wurden. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Vermutlich liegen beide irgendwo im Graben und verrotten. Oder aber man hat sie gefunden und ins Spital gebracht. Mehr weiß ich nicht!« Erneut tauschten Phil und ich einen Blick. Das passte zur der Geschichte, die sowohl Klaus als auch Richard erzählt hatten. Mit dem einzigen Unterschied, dass sie uns hatten weismachen wollen, dass sie überfallen worden waren. Wenn man diesem Räuber Glauben schenken durfte, dann waren Klaus und Richard die Einzigen, die an der Auseinandersetzung beteiligt waren. Phil ließ sein Schwert sinken.
   »Du kannst gehen. Lauf so schnell du kannst und komm mir nicht mehr unter die Augen, sonst vergesse ich vielleicht meinen Großmut und liefere dich den Obrigkeiten aus«, sagte er mit kalter Stimme. Das ließ sich Gensfleisch nicht zweimal sagen. Er rappelte sich auf und humpelte eilends davon. Wir schauten ihm hinterher, bis keine Spur mehr von ihm zu sehen war.
»Ich fasse es nicht, Gensfleisch! Kein Wunder, dass du ihn hast laufen lassen!« Ungläubig schüttelte ich den Kopf.
   »Ich weiß. Meinst du, ich will derjenige sein, der Richard erklärt, dass wir den Auftrag nicht annehmen können, weil wir diejenigen waren, die ihn ausgeliefert haben?« Er zog die Zeitmaschine hervor und prüfte sie schnell. Zufrieden nickte er.
   »Alles in Ordnung, das Licht ist noch immer grün. Was jetzt?«
   »Hier auf dem Hoftag gibt es nichts mehr für uns zu tun. Wir sollten das Spital ausfindig machen. Nach eigener Aussage wurde Klaus dort wach. Man überlegte, ihm sein Bein abzunehmen. Er muss also irgendwo in der Nähe sein. In Luft kann er sich nicht aufgelöst haben.«
   »Gut, dann lass uns morgen auf die Suche gehen. Für heute habe ich genug! Lass uns zurückkehren. Ich möchte meiner tapferen Retterin gebührend dafür danken, dass sie wie eine Löwin gekämpft hat.« Zu gerne hätte ich mich in seine Arme geworfen und seinen Dank gleich an Ort und Stelle empfangen. Die Gefahr, dass man uns sah, war jedoch zu groß. Wir hatten es drei Tage lang erfolgreich geschafft, meine Maskerade als Mann aufrecht zuerhalten. Das wollte ich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht aufs Spiel setzen.

Sonntag, 22. Februar 2015

Wochenrückblick #6 und #7

Manchmal glaube ich, dass meine Tage schneller vorbei gehen, als die von anderen Menschen. Es kann doch nicht sein, dass die Zeit derart rast? Zumal ich einen Großteil der letzten Wochen gefühlt nur noch im Auto verbracht habe. 
Die letzten zwei Wochen waren für Pendler des Rhein-Main-Gebiets kein Spaß! Wer, wie ich in Frankfurt arbeitet, wird mitbekommen haben, dass ein Wasserrohrbruch in der Hanauer  Landstraße für völliges Chaos gesorgt hat. Autobahnzufahrten wurden gesperrt und Umleitungen eingerichtet. Es sei nur so viel gesagt, dass ich einige neue Wege zur Arbeit kennengelernt habe und LKW anscheinend ohne Blinker ausgeliefert werden. Als sei diese Sperrung nicht genug, hat die Schiersteiner Brücke in Mainz ebenfalls beschlossen, dass sie keine Lust mehr darauf hat, dass täglich bis zu 90.000 Fahrzeuge über sie rollen und senkte ihre Fahrbahn ab. Die Folge ist natürlich eine weitere Vollsperrung und ein noch viel größeres Verkehrschaos. Denn diese Fahrzeuge müssen selbstverständlich auf andere Wege ausweichen. Ich habe Kolleginnen die nun morgens um sechs Uhr losfahren, damit sie um halb acht in Frankfurt sind. Morgens bin ich nur wenig von dieser Sperrung betroffen, denn ich kann dort auffahren, wo sich ein Teil des Staus auflöst. Nur abends sieht es leider anders aus und ich brauche derzeit jeden Abend über eine Stunde um mit dem Auto nach Hause zu kommen. Die Bahn ist noch immer keine Alternative, denn der drohende Streik und die Tatsache, dass einer meiner Busse sich ebenfalls durch das Verkehrschaos kämpfen muss, spricht dagegen. Wenigstens bekomme ich so meine Hörbücher schneller durch, man muss das ganze immer positiv sehen. Außerdem ist das ganze endlich! Wenn alles gut geht, ist es Ende März vorbei und alles geht wieder seinen gewohnten Gang. 

Was gab es sonst noch so? Ein länger andauernder Stromausfall am Montagmorgen sorgte dafür, dass ich im Kerzenschein frühstücken durfte. Da ich wusste, dass es nicht für Tage sein konnte, fand ich die Situation recht entspannend. Doch wäre das ganze länger als die knapp 90 Minuten gegangen, wäre ich vielleicht unruhig geworden? Was ist mit den Sachen im Kühlschrank? Muss ich heute Abend am Gasgrill kochen? Die üblichen Sachen, über die man sich so seine Gedanken macht. Der Stromausfall hatte den ganzen Stadtteil erwischt und als ich das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen, durfte ich einen ziemlich seltenen Anblick erleben. Alles um mich herum war stockfinster, nur hin und wieder sah man hinter Fensterscheiben den Schein der Taschenlampen schwach aufleuchten. Wenn man in einem derart dicht besiedelten Gebiet wie ich wohnt, dann ist dieses Dunkle völlig ungewohnt. Für einen kurzen Augenblick konnte ich nachvollziehen, wie sich die Menschen zu früheren Zeiten gefühlt haben mussten, wenn sie durch die stockfinsteren Gassen der Städte gingen. Kein Wunder, dass sie oft schwer bewaffnet waren. Die Gefahr konnte überall lauern!

Und nun zum wohl wichtigsten Teil der letzten Wochen: "Einsatzort Vergangenheit - Für immer und immer" ist seit Dienstag aus dem Korrektorat zurück. Seitdem ist kein Abend vergangen, an dem ich nicht über dem Text gesessen und überarbeitet habe. Nachdem ich gestern den ganzen Tag damit verbracht habe, kann ich nun vermelden, dass die erste Überarbeitung abgeschlossen ist. Ich werde heute noch einmal darüber gehen und mich dann an die Formatierung machen. Wenn alles gut geht, geht das Manuskript noch heute an die Testlester raus. Und dann dauert es nicht mehr lange, bis ich veröffentlichen kann :-) 

Was wäre mein Wochenrückblick ohne mein Buch der Woche? Richtig, es würde etwas fehlen. Nachdem ich beim letzten Mal ein wenig enttäuscht von meiner Lektüre war, hatte ich angemerkt, dass ich als nächstes wohl einen Krimi lesen werde und genau das tue ich derzeit. The Sound of Broken Glass ist der 15. Band einer Krimireihe von Deborah Crombie. Ich mag Krimis, vor allen englische und diese Reihe hat es mir besonders angetan. Ich habe derzeit etwas mehr als 60% gelesen und frage mich noch immer, wie die vielen kleinen Puzzleteile zusammenpassen und wer am Ende der Täter ist. Ich habe langsam eine Ahnung, wie alles zusammenhängt, aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Vielleicht ist das auch nur eine geschickte Fährte der Autorin. Ich möchte hier gar nicht zu sehr auf die Geschichte eingehen, sondern kann nur jedem, der auf der Suche nach guten englischen Krimis ist, die Reihe um Gemma Jones und Duncan Kincaid wärmstens empfehlen. Der erste Band heißt übrigens "Das Hotel im Moor". 

Ich wünsche allen einen schönen Sonntag und einen guten Start in die Woche! 
 

Samstag, 14. Februar 2015

Ein kleine Reise in die Vergangenheit oder Valentinstag

Früher stand ich dem Valentinstag immer ein wenig skeptisch gegenüber. Klar, finde ich die Idee ein Fest der Liebenden zu feiern hübsch. Natürlich nur solange man einen entsprechenden Partner hat. Andernfalls ist es eine ziemlich deprimierende Angelegenheit, wenn man mal wieder daran erinnert wird, dass man alleine ist, während sich der gefühlte Rest der Welt in den Armen liegt.
Seit ich mit meinem Mann zusammen bin, haben wir, bis auf unser erstes gemeinsames Jahr, den Valentinstag nicht wirklich gefeiert. Ich möchte keine überteuerten Blumen und kein kitschiges Geschenk, weil es der Kalender diktiert. Meistens sind wir nett essen gegangen oder haben es uns zu Hause besonders gemütlich gemacht.

Als ich dann anfing "Einsatzort Vergangenheit" zu schreiben und dort eine Szene drin vorkommt, die am Valentinstag spielt, habe ich mich näher mit der Geschichte dieses Tags beschäftigt. Dass es sich dabei nicht nur um eine reine Erfindung von Blumenhändlern handelte, wusste ich schon zuvor. Was mir aber nicht bewusst gewesen ist, war die Tatsache, welche Bedeutung der Valentinstag in England hat. Er wurde durch Geoffrey Chaucer  populär gemacht und durch Heinrich VIII im Jahr 1537 zum offiziellen Feiertag erklärt. Schon damals machten sie die Liebende kleine Geschenke und schrieben sich Briefe. Der Gedanke, dass es diese Tradition schon seit Hunderten von Jahren gibt, hat mich den Valentinstag mit anderen Augen sehen lassen. Ich finde es schön, dass es dieses Fest gibt. Auch wenn ich meinem Mann noch immer keine teuren Geschenke mache, ihm einmal mehr sagen, dass ich ihn liebe und einen schönen Abend mit ihm zu verbringen, kann ich allemal. Liebe ist etwas Kostbares und genauso sollte sie behandelt werden. Vielleicht sollte das ganze Jahr über Valentinstag sein, damit wir das alle nicht vergessen :-)

Zum Abschluss noch einen Teil der Szene aus "Einsatzort Vergangenheit", die am Valentinstag spielt. Viel Spaß damit!

"Der nächste Morgen war ein klarer, kalter Wintertag. Die Sonne schien und wir schrieben den 14. Februar 1584 oder anders ausgedrückt: Es war Valentinstag. Mir war zwar bewusst gewesen, dass der Valentinstag keine Erfindung der Blumenhändler war, dennoch war ich überrascht herauszufinden, dass der Valentinstag im elisabethanischen England ein wahrer Feiertag war. So wusste Meg an diesem Morgen über nichts anderes mehr zu reden als über ihren Zukünftigen.
„Heute Nacht träumte ich, dass ich mit Billy Matthews, dem Sohn des Bäckers, getanzt habe. Jedoch der erste Mann, der mir heute außerhalb des Hauses begegnet ist, war John Ducker, der Schuhmacher. Wer wird denn nun mein Ehemann?“ Sie seufzte, während sie meine Haare zu einer komplizierten Frisur hochsteckte. Was war das denn nur wieder für eine Logik? Manchmal fiel es mir doch recht schwer, ihrem Geplapper zu folgen, und dieser Morgen stellte keine Ausnahme dar.
„Meg, du vergisst, dass ich aus den Niederlanden komme. Was hat das alles mit deinem zukünftigen Mann zu tun?“, fragte ich sie, da ich zwar ihre Worte, nicht aber deren Sinn verstand. Sie schaute mich ungläubig an, als hätte ich ihr erzählt, dass die Königin doch noch heiraten werde.
„Oh my Lady, ihr feiert keinen Valentinstag in Eurer Heimat, welch ein Jammer. Ich will es Euch erklären: Ich habe gestern, bevor ich zu Bett ging, Hanfsamen unter mein Kopfkissen gelegt, denn die Träume, die man in der Nacht vor dem Valentinstag hat, sagen einem, wer der Zukünftige wird. Allerdings ist es auch so, dass derjenige Mann, dem man am Valentinstag als Erstes außerhalb des Hauses begegnet, derjenige ist, den man heiratet! Und jetzt weiß ich immer noch nicht, wen ich zum Gatten bekomme!“ Ihre verzweifelte Ausführung ließ mich lächeln, sie hielt diesen Aberglauben wirklich für bare Münze.
„Im Gasthaus meines Vaters ist heute eine Wahrsagerin, vielleicht weiß die eine Antwort“, fuhr sie gleich fort. Wahrscheinlich nannte diese ihr noch einen dritten Mann und dann wäre das Chaos perfekt. In meinen Augen war eine Vierzehnjährige sowieso noch zu jung für die Ehe, aber hier war es anders. Immer wieder musste ich mir ins Gedächtnis rufen, dass man mit über sechzig als steinalt galt. Man musste schon früh den Bund der Ehe eingehen, um die Nachkommenschaft zu sichern. Auch ich zählte in dieser Zeit nicht mehr zu den Allerjüngsten, aber doch noch nicht ganz zum alten Eisen, wie ich festgestellt hatte.
„Und welcher der Herren wäre dir lieber?“ Ich konnte nicht anders, ich musste sie einfach auf den Arm nehmen. Außerdem konnte ich es ihrer Nasenspitze ansehen, dass sie nur so darauf brannte, darüber zu reden.
„Billy gefällt mir am besten, denn er ist noch jung und er küsst gut! Für ihn habe ich auch ein Geschenk besorgt!“ Ihr Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an, als sie sich an die Küsse ihres Billys erinnerte. Geschenke? In meinem Kopf klingelten sämtliche Alarmglocken. Was, wenn Raleigh mir ein Geschenk machte und ich nichts für ihn hatte? Immerhin konnte man ihn so etwas wie meinen Galan nennen und anscheinend war es auch zu dieser Zeit üblich, dass man dem Liebsten ein kleines Geschenk machte, um seine Zuneigung zu zeigen. Ich konnte doch schlecht mit leeren Händen dastehen. Ein unverzüglicher Besuch an der Royal Exchange war wohl der beste Ausweg aus meiner Misere. Da ich ihr den Rest des Tages frei versprach, wenn sie mich nur zügig fertigmachte, arbeitete Meg noch einmal so schnell und zauberte mir eine wunderschöne Hochsteckfrisur.

Kaum war ich komplett angekleidet und frisiert, machte ich mich auf die Suche nach Phil, damit er mich zur Börse begleiten konnte. Die Ereignisse des Vorabends waren noch zu frisch, als dass ich mich gewagt hätte, das Haus ohne Begleitung zu verlassen. Im Haus konnte ich ihn allerdings nicht entdecken und so ging ich nach draußen, wo er im Hof stand und gerade dabei war, sein Pferd zu besteigen.
„Halt, warte!“, rief ich und eilte auf ihn zu. Er hielt inne und wartete, bis ich bei ihm angekommen war.
„Wie wäre es mit einem Guten Morgen?“, fragte er fröhlich. Er schien an diesem Morgen besonders guter Laune zu sein. Nichts an ihm wies darauf hin, dass er noch unter den Nachwirkungen des vorherigen Abends stand.
„Guten Morgen! Wo willst du denn hin?“, testete ich vorsichtig an.
„Einfach nur einen Ausritt machen, warum? Möchtest du mich begleiten?“
„Könnten wir den Ausflug vielleicht mit einem winzig kleinen Umweg zur Royal Exchange machen?“
„Und was willst du da kaufen? Was ist so wichtig, dass es jetzt sein muss?“ Er sah nicht so aus, als wäre es sein Herzenswunsch, mit mir einkaufen zu gehen. Da musste ich wohl noch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten.
„Heute ist Valentinstag und ich habe kein Geschenk für Raleigh! Was aber mache ich, wenn er was für mich hat? Diese Blöße will ich mir nicht geben. Würdest du mich also bitte, bitte begleiten? Wir sind auch ganz schnell fertig, versprochen!“ Mein Augenaufschlag hätte einem Beagle zur Ehre gereicht. Bittender konnte man nicht schauen.
„Und wenn er kein Geschenk für dich hat, was dann?“ Phil schien noch nicht ganz überzeugt von meiner Idee zu sein.
„Dann bekommst du es!“
„War schon immer mein innigster Wunsch, deinen Lückenfüller zu spielen!“, erwiderte er eingeschnappt.
„Jetzt spiel nicht die beleidigte Leberwurst und komm schon!“
„Gut, du Landplage, aber nur das Geschenk für Raleigh und dann gehen wir wieder!“, willigte er dann doch, wenn auch widerwillig, ein. Vermutlich hatte er keine Lust auf eine längere Diskussion mit mir, er konnte sich denken, dass er da den Kürzeren zog.
Schnell ließ er auch noch Fee satteln und wir machten uns auf den Weg zur Royal Exchange. Auch wenn ich bereits zum zweiten Male an diesen Ort kam, so beeindruckte mich die Atmosphäre doch wieder aufs Neue. Die mannigfachen Geschäfte, das Gewusel der vielen unterschiedlichen Menschen, die ihren Einkäufen nachgingen, die Atmosphäre, die hier herrschte, es war einfach großartig und einzigartig. Ich hätte hier Stunden verbringen können, wenn neben mir nicht Phil gestanden hätte, der mir mit seiner Leidensmiene klarmachte, dass er sich nicht länger als nötig in der Börse aufhalten wollte. Typisch Mann, kaum wollte Frau mal shoppen, reagierten sie völlig allergisch darauf! Nach einigem Suchen in den verschiedensten Geschäften wurde ich bei einem Juwelier fündig, wo ich einen Ohrring aus Rubinen für Raleigh erstand. Zuvor hatte ich mich noch bei Meg erkundigt, was ein angemessenes Geschenk sei. Auf alle Fälle wollte ich vermeiden, dass ich im Falle eines Falles ein zu geringes Geschenk hatte. Aus einem Impuls heraus kaufte ich auch für Phil etwas, eine Art Taschenuhr. Man durfte doch auch Freunden am Valentinstag Geschenke machen, rechtfertigte ich mich vor mir selbst, als ich dem Händler das Geld für die Uhr überreichte. Und die Idee, einem Zeitreisenden eine Uhr zu schenken, hatte für mich besonderen Reiz und Bedeutung. Ich nahm mir vor, ihm das Geschenk am Abend zu geben, wenn er schon nicht mehr damit rechnete. Die Vorfreude auf sein verdutztes Gesicht stimmte mich gleich noch fröhlicher."

(Einsatzort Vergangenheit - Ein Zeitreiseroman, Sandra Neumann)

Sonntag, 8. Februar 2015

Wochenrückblick #5

Wo bitte schon ist die letzte Woche hin? Gefühlt war doch gestern erst Sonntag und wenn ich heute in den Kalender schaue, stelle ich überrascht fest, dass schon wieder Sonntag ist. Was habe ich in der letzten Woche getan, dass ich nicht mitbekommen habe, wie die Zeit verging?

Die nüchterne Antwort lautet: Arbeiten! Schlicht und einfach arbeiten! Dazwischen noch einen Geburtstag in der Familie und das war es. Es war eine recht ereignislose Woche. 

Ein negatives Ereignis habe ich dann doch noch zu berichten. Gestern durfte ich mal wieder erleben, wie wenig serviceorientiert einige Läden noch arbeiten. Die Vorgeschichte: Mein Mann hat sich für die Fastnachtssitzung vor zwei Wochen ein neues Kostüm gekauft. In Wiesbaden (!) hat dafür ein spezielles Geschäft eröffnet und die Auswahl dort ist riesig. Schnell hatten wir ein Kostüm gefunden, das nicht allzu günstig war. Umso betrüblicher war es für ihn, das er ihm Laufe des Abends feststellen musste, dass das Kostüm sich sprichwörtlich auflöste und das nur durch das Sitzen am Tisch. Die Fäden seiner Jacke lösten sich am Revers und es sah aus, trüge er einen Flickerlteppich anstelle einer barocken Jacke. Für uns natürlich ein klarer Fall von Reklamation. Zuerst war man uns gegenüber auch großzügig und man meinte, wir sollten schauen, ob es das Kostüm noch einmal gab. Die war aber nicht der Fall. Statt eines Gutscheins, den man uns ausstellen wollten, wollten wir stattdessen das gezahlte Geld zurück. Da fing der junge Mann, der den Vorgang klären sollte, erst einmal an, dass das Kostüm bei Kauf ganz gewesen sei und mein Mann es kaputt gemacht hätte. Das finde ich einem Kunden gegenüber ziemlich dreist. Er fing dann an, dass er kein Geld zurückzahlen würde, denn es stünde ja überall, auch auf den Kassenbons. Es gäbe nur Gutscheine. Erst auf unseren Hinweis, dass sich dies auf Umtausch und nicht explizit auf Reklamationen bezieht, meinte er, dann würde er uns das Geld zurückzahlen, damit er seine Ruhe hätte. Wir reden hier nicht von einem Betrag von 20 €, das Kostüm kostete mehr als 100 Euro und ich finde, dafür kann man erwarten, dass die Ware länger als fünf Stunden hält. Dieser Laden hat durch sein Verhalten definitiv Kunden verloren und ich kann niemandem empfehlen bei diesem Fachartikelladen auf der Wiesbadener Äppelalle einkaufen zu gehen. Der Kunde wird beschuldigt, beleidigt und behandelt, als sei man ein vorsätzlicher Betrüger. 

Das war mein Aufreger der Woche! 

Mein Buch der Woche: Ja, ich gebe es zu, es ist immer noch Die Liebesbotin der Königin. Nun bin ich glücklicherweise fertig damit. Ich wurde einfach nicht warm mit dem Buch und nachdem ich mich auf Wikipedia ein wenig mit der Geschichte der Catherine Howard vertraut gemacht habe, muss ich sagen, dass ich sehr enttäuscht bin. Personen wurden erfunden, damit sie in die Geschichte passten. Denn die wahre Liebesbotin der Königin wurde, wie Catherine zum Tode verurteilt, und konnte nicht, wie im Buch, fliehen. Auch die Figur der Verräterin war in Wirklichkeit eine andere. Mir war das Buch zu historisch ungenau und im Grunde genommen ging es in diesem Buch nicht um die Dienste der Protagonistin als Liebesbotin, denn diese machen nur circa 20 Prozent des Buches aus, sondern um die Liebesgeschichte der Protagonistin. Die Figuren konnten mich nicht fesseln und mit ihnen fiebern konnte ich leider auch nicht. Ich glaube, nach dieser Enttäuschung ist mal wieder ein Krimi angesagt ... 

Sonntag, 1. Februar 2015

Wochenrückblick #4

Was war letzte Woche los? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber dieses graue, trübe Wetter zerrt doch irgendwie an meinen Nerven. Während ich täglich im Radio und Fernsehen höre und sehe, dass es im Rest von Deutschland bis zum Abwinken schneit, muss ich nur aus dem Fenster schauen, um festzustellen, dass es bei uns mal wieder nur regnet. Oder was noch schlimmer ist, Graupelschauer! Heute Nacht hat es zwar etwas geschneit, aber wie immer, ist die Hälfte schon getaut und von Winter Wunderland ist nur ein kümmerlicher Rest übrig. 

Ansonsten war die Woche recht arbeitsintensiv und damit meine ich meinen Hauptberuf und leider nicht das Schreiben, das kam diese Woche viel zu kurz. 
Ich hatte vor einiger Zeit  über mein Experiment mit dem Bahnfahren geschrieben. Nun, ich habe es diese Woche wiederholt und muss feststellen, dass bis auf die Tatsache, dass nun neue Züge auf der Strecke verkehren, der Rest schlechter geworden ist. Als ich dieses Experiment vor einem Jahr zum ersten Mal startete, sagte der Fahrplan etwas mehr als eine Stunde Fahrzeit voraus. Dass das nie stimmte, habe ich damals sehr schnell festgestellt, aber inzwischen haben sich die Fahrtzeiten, dank einer gesperrten Brücke und Fahrplanänderungen, extrem verschlechtert. Eine einfache Strecke braucht nun 90 Minuten (das entspricht 2 Minuten pro Kilometer), so viel Zeit habe ich in über zwei Jahren bisher erst drei Mal mit dem Auto gebraucht. Mit der Bahn habe ich das gleich zwei Mal an einem Tag geschafft! Klar kann ich in der Bahn lesen oder mich anderweitig beschäftigen, aber ich muss sagen, dass mir dazu die Ruhe fehlt. Ich habe Angst, mich in mein Buch zu vertiefen, da ich nicht in Gefahr laufen möchte, meine Haltestelle zu verpassen. Meine Mitfahrer tragen auch nicht zur Entspannung beim Lesen bei und kaum habe ich meinen Blick wieder auf mein Buch gesenkt, klingelt irgendwo ein Handy, mein Sitznachbar hustet und ich bin wieder abgelenkt. Kopfhörer helfen nur bedingt, weil ich dann  wieder nicht mitbekomme, an welcher Haltestelle ich mich befinde. (Es ist noch oder schon wieder dunkel, wenn ich fahre und da ist es nicht einfach die einzelnen Haltestellen zu unterscheiden) Es ist gut, dass ich die Möglichkeit habe bei Bedarf auf die Bahn auszuweichen, aber auf Dauer ist es doch nichts für mich und so pendele ich weiter mit dem Auto. 

Meine Korrektorin ist leider krank geworden und somit verschiebt sich die Veröffentlichung von »Einsatzort Vergangenheit - Für immer und immer« ein wenig nach hinten. Derzeit denke ich, dass es Anfang März werden wird. Selbstverständlich finde ich es schade, aber es ist nicht mehr zu ändern und an dieser Stelle noch mal gute Besserung an die liebe Anika. 

Mein Buch der Woche: Die Liebesbotin der Königin Ich habe es mir gekauft, bevor es Kindle Deal der Woche wurde, denn immerhin spielt es zur Tudorzeit und zu der habe ich bekanntermaßen eine gewisse Affinität. Ich habe diese Woche wenig Zeit zum Lesen gehabt und bisher nur ein Viertel geschafft. Ich weiß noch nicht, ob ich dieses Buch mag oder nicht. Die Geschichte ist eigentlich interessant, aber so richtig will der Funke noch nicht überspringen. Und dann ist da noch eine Sache, die mich auch schon bei meinem vorherigen Buch gestört hat. Inhaltliche Fehler! Ich bin Self-Publisher und kann nicht auf ein Heer von Lektoren, Korrektoren etc. zurückgreifen. Da ich mich auch zum Teil im Gebiet der historischen Romane bewege, glaube ich, dass meine Kritik gerechtfertigt ist. Es kann nicht sein, dass man in einem Buch, das angeblich 1533 spielt, etwas von Picknicks liest. Es gibt diesen Ausdruck einfach noch nicht. Ein Blick in Wikipedia hätte Abhilfe geschaffen und man hätte festgestellt, dass es Essen im Freien gab, aber nicht unter diesem Namen. Der Begriff Picknick tauchte im 17. Jahrhundert zum ersten Mal auf. In einem anderen Buch, das ich vor einiger Zeit gelesen habe, war die Rede von Pfeife und Tabak. Alles gut und schön, aber doch nicht in einer Zeit vor Entdeckung Amerikas. Es sind diese Kleinigkeiten, die mich stören. Kartoffelbrot in einer Zeit, in der die Kartoffel sich noch nicht einmal als Nahrungsmittel durchgesetzt hat? Warum bemerkt das ein Lektor nicht? Komischerweise wird einem Self-Publisher so etwas gleich aufs Butterbrot geschmiert, bei einem Verlagsbuch werden solche Fehler übersehen und bleiben unerwähnt. Hier wird leider immer noch mit zweierlei Maß gemessen.  Aber gut, ich werde das Buch weiterlesen und hoffe, dass ich es aus dem Kopf bekomme, dass Catherine Howards Körper mit 10 Jahren voll entwickelt ist und sie ihre Affäre mit ihrem Liebhaber beginnt. (Wikipedia nennt sie wenigstens mindestens 13, was unvorstellbar für mich ist, aber in jenen Zeiten nichts ungewöhnliches ist)