Endstation Vergangenheit?

Endstation Vergangenheit?


Über das Buch:



Ohne Zeitmaschine in der Vergangenheit gefangen, versucht Laura sich eigenständig aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Was sich als äußerst schwierig erweist, wenn man ohne Geld und passende Kleidung in einer anderen Zeit landet, wie sie nach kurzer Zeit leidvoll feststellen muss.

In der Gegenwart sucht Phil verzweifelt nach einem Weg, wie er Laura ausfindig machen kann. Als sei das nicht schwierig genug, steht er vor einer anderen, nahezu unlösbaren Aufgabe: Wie soll er Lauras Umfeld beibringen, dass sie verschwunden ist, wenn keiner wissen darf, dass sie Zeitreisende ist?

Durch die Jahrhunderte getrennt, geben Laura und Phil jedoch nicht auf, eine Möglichkeit zu finden, wie sie wieder zueinander finden können. Dabei liegen ihnen einige Stolpersteine im Weg und mehr als einmal fragen sich die beiden Zeitreisenden, ob die Vergangenheit für Laura zur Endstation werden könnte. 

Leseprobe:


   »Fahr zur Hölle«, rief ich Lars hinterher, als er schon längst den Auslöser der Zeitmaschine benutzt hatte und verschwunden war.
Meine Worte verhallten auf der großen Wiese, auf der ich mutterseelenallein stand. Um mich herum war nichts, aber auch gar nichts. Mir wurde klar, dass ich in der Vergangenheit festsaß. Ich befand mich in irgendeiner Zeit, wusste weder wann noch wo und ich hatte keinen Schimmer, wie ich hier herauskommen sollte. Ich war gefangen in der Geschichte, ausgesetzt und vermisst!
Mutlos drehte ich mich einmal um mich selbst, um eine Bestandsaufnahme meiner Umgebung vorzunehmen. Danach war ich allerdings kein bisschen schlauer. Bis auf die Tatsache, dass ich mich in einem leicht hügeligen Gebiet befand, wusste ich nichts über meinen derzeitigen Aufenthaltsort.


Frustriert ließ ich mich nieder. Ich schlug wütend mit der Faust auf den Boden und bereute es nur eine Sekunde später zutiefst. Meine Hand war auf einem spitzen Steinchen gelandet und der Schmerz ließ mich kurz aufschreien. Ich schaute mich um, ob ich damit irgendeine Reaktion ausgelöst hatte. Doch nichts geschah. Bis auf das Zwitschern einiger Vögel blieb es still. Das durfte einfach nicht wahr sein! Ich saß irgendwo in der Vergangenheit und die Chancen nach Hause zu kommen waren gleich null. Was konnte ich tun? Ich hatte keine Zeitmaschine mehr und im Augenblick sah ich keine Möglichkeit, dieser Einöde zu entkommen. Gerade als ich geglaubt hatte, dass es in meinem Leben langsam bergauf ging, passierte das hier! Als Klaus mich damals im elisabethanischen London entführt hatte, hatte ich zumindest die Hoffnung gehabt, dass Phil mich finden und retten würde. Aber jetzt? Wie sollte Phil denn wissen, wo ich war? Ich bezweifelte stark, dass Lars sich versehentlich als der Verräter, der er war, zu erkennen gab. Er hatte immer einen netten, fast schüchternen Eindruck auf mich gemacht. Kurzfristig hatte ich ihn als Drahtzieher verdächtigt, jedoch hatte Phil mir versichert, dass Lars zu Beginn meines Gedächtnisverlusts noch im Krankenhaus gelegen hatte. Wie hatte er es geschafft, unbemerkt von der Station zu verschwinden? Während meines Autounfalls war er in der Vergangenheit gewesen, um einen Auftrag zu erledigen. Aus diesen Gründen hatte ich ihn von der Liste der verdächtigen Personen gestrichen. Keinem von uns war je die Idee gekommen, dass es für Lars ein Leichtes war, jederzeit in die Gegenwart zu reisen, selbst wenn er gerade einen Auftrag erledigte und sich in der Vergangenheit befand. Die Regel, dass Zeitreisende ihren Einsatzort nur im Notfall verlassen durften, war lediglich ein ungeschriebenes Gesetz und Ehrenkodex. Aber wer für Klaus arbeitete, gab nichts auf Ehre und Gewissen. Somit hatte Lars uns alle täuschen können. Hätte ich mich doch nur auf mein Bauchgefühl verlassen, dann wäre ich nicht in diesem idyllischen Niemandsland gelandet!


Wiederholt sah ich mich um. Vielleicht hatte ich vorhin etwas übersehen und ich würde nun etwas entdecken, das mir einen Hinweis auf meinen Aufenthaltsort gab. Die sanft geschwungenen, grünen Hügel sahen reizend aus, verrieten mir aber nicht, wo ich mich befand. Ich konnte zu jeder möglichen Zeit, an jedem möglichen Ort der Erde sein. War die Sahara vor unserer Zeitrechnung eigentlich einmal grün gewesen? Ich versuchte diese Information aus den hintersten Ecken meines Gedächtnisses hervorzukramen, konnte mich jedoch beim besten Willen nicht daran erinnern. Erdgeschichte und Geologie waren nie meine Stärken gewesen, auch wenn sie im entferntesten Sinne mit Geschichte zu tun hatten. Wenn in der nächsten Minute ein Dinosaurier um die Ecke käme, wüsste ich wenigstens ungefähr, in welcher Zeit ich mich befand. Auf ein paar hundert Jahre mehr oder weniger kam es dann auch nicht mehr an.

Ich wusste nicht, ob ich deswegen lachen oder weinen sollte, und entschied, dass eine Mischung von beidem wohl die beste Lösung war. So kam es, dass ich auf einer Wiese in irgendeinem Jahrhundert saß und lauthals vor mich hinlachte, während die Tränen nur so über mein Gesicht rannen. Irgendwann erstickte mein Lachen und ich schluchzte nur noch vor mich hin. Die Tränen liefen über mein Gesicht und ich konnte nicht aufhören zu weinen. Dumpf betrachtete ich die Landschaft um mich herum, und was ich sah, ließ mich immer weiter verzweifeln. Nichts wies auch nur annähernd auf bewohnte Siedlungen hin. Ich war in einer grünen menschenleeren Hölle gelandet! Ich spürte, wie der nächste Weinkrampf anrollte und sich meiner bemächtigte.


Am Himmel über mir flogen weiße Wolken vorbei und die Sonne zog ihre Spur am Horizont. Die Zeit verrann, ohne dass ich etwas tat. Außer ein paar Vögeln, die mich neugierig betrachteten und mich vermutlich für eine Vogelscheuche hielten, sah ich keine weiteren Lebewesen. Meine Tränen waren längst versiegt. Geblieben war das Gefühl der Traurigkeit und des Alleinseins. Nur der Gedanke, dass ich womöglich nie wieder in die Gegenwart zurückkehren konnte, und Phil sowie alle anderen, die mir lieb waren, nie wiedersehen würde, ließ die Tränen von Neuem über meine Wangen laufen. Ich schniefte laut und wischte mir ganz undamenhaft mit dem Handrücken über die Nase. Beim Anblick des getrockneten Blutes erschrak ich kurz, bis mir einfiel, dass ich das Lars  und seinem Faustschlag ins Gesicht zu verdanken hatte.

Nachdenken, ich musste nachdenken! Was konnte ich tun? Weiter hier zu sitzen und mir die Seele aus dem Leib zu heulen würde mich zwar irgendwann vor Erschöpfung einschlafen lassen, aber geholfen war mir damit noch lange nicht. Dabei erschien mir gerade das als verlockendste Lösung. Vielleicht würde ich einschlafen und am Morgen neben Phil aufwachen. Dann würde ich feststellen, dass alles nur ein böser Traum gewesen war. Doch tief im Innern wusste ich, dass ich mir nur etwas vormachte, das hier war kein Traum. Dafür war ich inzwischen zu oft durch die Zeit gereist. Mir war klar, dass ich nicht ewig auf der Wiese verharren konnte, doch mir fehlte jegliche Motivation, an meinem Zustand etwas zu ändern. Ich wollte einfach nur sitzen bleiben und an nichts mehr denken. An dieser Stelle setzte mein gesunder Menschenverstand ein und verpasste meinem Selbstmitleid eine ordentliche gedankliche Ohrfeige. Es war ja gut und schön, dass ich mit der Gesamtsituation nicht zufrieden war, aber weiter bewegungslos zu bleiben und zu heulen würde mich nicht hier rausbringen. Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als mich in irgendeine Richtung zu drehen und loszulaufen, in der Hoffnung, dass ich sehr bald auf etwas stieße, was im entferntesten Sinne der Zivilisation ähnelte. Nur gut, dass es nicht kalt war und auch nicht regnete. Die Temperaturen waren angenehm warm, und wie ich bei meiner Bestandsaufnahme der Umgebung schon festgestellt hatte, waren die Bäume dicht belaubt und leuchteten in kräftigem Grün. Wenigstens musste ich mir keine Gedanken darüber machen, ob es nachts frieren konnte, wenn ich gezwungen wäre, unter freiem Himmel zu schlafen.

Ich sah an mir herab und seufzte laut. Mein Outfit war garantiert nicht dafür gemacht, in der Wildnis spazierenzugehen, und für die Vergangenheit war es noch weniger geeignet. Wenn ich nicht gerade im ausgehenden 20. oder beginnenden 21. Jahrhundert gelandet war, so könnte mir schon meine Kleidung alleine zum Verhängnis werden. Das Kleid endete kurz über dem Knie und selbst die Tatsache, dass ich eine Strumpfhose trug, ließ das Kleid in keinem Jahrhundert akzeptabel erscheinen. Die hochhackigen Lederstiefel trugen ihr Übriges dazu bei, genau wie mein Ausschnitt. Er war zwar nicht besonders aufreizend, dennoch könnte er, je nachdem in welcher Zeit ich gelandet war, ziemliches Aufsehen erregen. Wenn ich Pech hatte, würde man mich in diesem Kleid für eine Hexe halten und ohne kurzen Prozess auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Selbst wenn ich in einer moderateren Zeit gelandet war, war das Kleid schlicht zu kurz, um als anständig durchzugehen. Sollte ich auf andere Menschen treffen, musste ich bis dahin eine Ausrede parat haben, die nicht allzu hanebüchen klang. Bis auf den Goldreif, den Phil mir damals in London als Beweis aus der Vergangenheit mitgebracht hatte, trug ich nichts Wertvolles bei mir. Sicherheitshalber zog ich jeglichen Schmuck aus und versteckte ihn in meinem BH. Es scheuerte zwar etwas, aber somit würde ich keine ungebetene Aufmerksamkeit auf meinen wertlosen Schmuck ziehen. Es war zwar nur Modeschmuck, auf den ersten Blick konnte man ihn allerdings für echt halten, und ich wollte kein unnötiges Risiko eingehen.

Nüchtern betrachtet, war meine Ausgangslage denkbar schlecht, und ich setzte meine ganze Hoffnung auf den Armreif. Wenigstens auf die Tatsache, dass Gold in fast allen Epochen als Zahlungsmittel galt, konnte ich mich verlassen. Wenn ich den Armreif verkaufen konnte, um mir eine Weile mein Leben finanzieren zu können, wäre mir viel geholfen. Was ich mir allerdings nicht erkaufen konnte, war meine Rückfahrkarte in die Gegenwart. Doch bevor ich mich an die Lösung dieses Problems machte, sollte ich beginnen herauszufinden, wo und wann ich mich befand.