Sonntag, 3. Februar 2019

Lord Gänseblümchen und Lady Violet oder wie war das noch mal mit den Titeln?

Ich schreibe nicht nur historische Liebesromane, sondern lese sie auch unheimlich gern. Was ich daran mag? Das Setting, das Eintauchen in eine längst vergangene Zeit, in der die Moralvorstellungen und die Rolle der Frau nicht mit meinen übereinstimmen, aber es auch noch solche Tugenden wie Höflichkeit und gutes Benehmen gab. Beides ist in den letzten Jahren unserer schnelllebigen Zeit, in der man sich in der Anonymität des Internets verstecken kann, etwas auf der Strecke geblieben.
Mit dem Lesen historischer Liebesromane habe ich als Teenager angefangen, dann als ich Ende zwanzig war, habe ich auf dem Markt nichts mehr gefunden, das mich wirklich angesprochen hat. Das lag hauptsächlich daran, dass die Geschichten fast keine Geschichten mehr waren, sondern sich hauptsächlich nur noch um den gemeinsamen Beischlaf drehten. Als ich dann selbst anfing, historische Liebesromane zu schreiben, habe ich meine Liebe dazu wieder entdeckt und ein paar Autorinnen gefunden, deren Bücher nicht nur das Eine zum Thema haben. Und nicht nur das, sind sogar hervorragend recherchiert. (So zum Beispiel Mary Balogh, Louise Allen und Lisa Kleypas)
Gerade bei den Büchern von Mary Balogh wurden immer wieder Sachen erwähnt, die mir während meiner Recherche ebenfalls über den Weg gelaufen sind. So zum Beispiel, dass ein Tanz nicht nur ein Tanz war, sondern ein sogenanntes Set, das bis zu dreißig Minuten dauerte. Kein Wunder, dass die jungen Menschen, jener Zeit alle gut tanzen konnten, denn ein gemeinsames Set, war einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen die beiden nahezu ungestört waren und sich ohne Anstandsdame unterhalten konnten.
Natürlich muss nicht alles ins Detail recherchiert werden, aber es stört mich, wenn ich zu Beginn des frühen 19. Jahrhunderts von Dingen lese, die es zu jener Zeit eindeutig noch nicht gegeben hat. Genauso wie es mich stört, wenn ich in einem Roman, der im Mittelalter spielt, von Kartoffeln zum Essen sowie Tabak lese. Und wer mir jetzt damit kommt, dass die Wikinger ja schon vor Kolumbus in Amerika waren, soll mir bitte ein historisches Kochbuch zum Beweis liefern, in dem Rezepte mit Kartoffeln zu finden sind. Es gibt sie einfach nicht.

Was mir aber in letzter Zeit extrem oft aufgefallen ist, ist die Art und Weise, wie mit den Titeln der englischen Adeligen umgegangen wird. Da ist einer der Earl of Gänseblümchen, sein Bruder ist der Viscount Gänseblümchen und der Familienname lautet auch Gänseblümchen. Nein! Falsch.
Um es etwas zu verdeutlichen, hole ich mir Hilfe bei einer meiner Lieblingsserien Downton Abbey.
Das Familienoberhaupt ist der Earl of Grantham, mit dem Familienname Crawley. Klingelt was? Es gibt einen Titel und einen Familiennamen. Niemals kann der Titelname auch der Familienname sein.
Seine Frau ist die Countess of Grantham, Lady (Cora) Grantham. Die Töchter allerdings werden nur Lady Mary, Lady Edith und Lady Sybil (Familienname Crawley) genannt. Niemals aber Lady Mary Grantham. Einzig der Dowager Countess, der verwitweten Mutter des Earls, steht es zu, sich Countess of Grantham betiteln zu lassen. Um sie besser von Cora unterscheiden zu können, darf sie sich Violet, Countess of Grantham nennen. Man spricht sie auch nicht mit Lady Violet an, das steht nur den unverheirateten Enkelinnen zu, sondern sagt: Dowager Lady Grantham oder Violet, Lady Grantham.
Aber das sind doch jetzt nur die Frauen der Familie, werden einige sagen, dann kann das mit dem Brüderpaar, Earl und Viscount Gänseblümchen, stimmen. Nicht wirklich.
Der Titel ist erblich und geht vom Vater auf den Sohn über. Das heißt, dass der Vater des jetzigen Earl of Gänseblümchen, der vorherige Earl of Gänseblümchen war und sein Titel nach seinem Ableben auf den ältesten lebenden Sohn übergeht (über schwierigere Verwandschaftsgrade und Erbansprüche will ich hier gar nicht erst berichten.) Der neue Earl of Gänseblümchen trug zuvor einen Ehrentitel des Vaters, nämlich den des Viscounts Pusteblume. Dieser Titel ist in dem Augenblick, in dem er Earl wird vakant und wird erst wieder aufleben, wenn er einen Sohn als Erben bekommt. Und was ist jetzt mit dem jüngeren Bruder werden sich einige Fragen? Der jüngere Bruder hat hier etwas Pech gehabt, wenn man es salopp ausdrücken will. Er ist nämlich nur ein Mr (übrigens im britischen ohne Punkt, nur im amerikanischen mit Punkt). Sein offizieller Titel lautet der Ehrenwerte Mr Lavander Ringelblume, denn Ringelblume ist der Familienname. Man spricht ihn mit Mr Ringelblume an, nicht Mr Gänseblümchen und niemals Viscount Gänseblümchen.

Zugegeben, es ist nicht immer einfach zu durchschauen, aber wenn man sich erst einmal eingelesen hat, dann ist es gar nicht mehr so schwer. Ich finde, wenn ich den Anspruch habe, ein Buch mit historischem Hintergrund zu schreiben, sollte man sich auch etwas ausführlicher damit beschäftigen. Das soll kein Angriff auf die Autorinnen sein, die es mit den Titeln etwas lockerer nehmen und davon gibt es im englischen, als auch im deutschen genug. Aber ist es für den Leser nicht viel befriedigender, wenn er solche Sachen nebenbei mitnimmt und dann mal im Kneipenquiz damit glänzen kann? (Natürlich auch für die Leserin)