Samstag, 17. März 2018

Würde Jane Austen über Sex schreiben, wenn sie heute lebte?

Vor einiger Zeit habe ich einen Post verfasst über die Unterschiede zwischen Regency Romanzen und historischen Liebesromanen. Sollten beide in der gleichen Zeit spielen, ist eines der Hauptunterscheidungsmerkmale das Fehlen von Sex bei einem Regency Roman. Viele Leser verweisen in ihren Rezensionen darauf, wie sehr sie die Bücher an Jane Austen und Georgette Heyer erinnern, oder auch nicht, wenn es sich um einen historischen Liebesroman handelt, in dem es erotische Szenen gibt.

Was aber, wenn Jane Austens Romane aus einem bestimmten Grund so keusch daherkommen?

Jane Austen ist nicht nur für ihre feine Beobachtungsgabe und ihre spitze Zunge bekannt, sondern auch dafür, dass ihre Romane lebensnah sind. Das liegt daran, dass sie stets nur über die Dinge geschrieben hat, die sie kannte.
In keinem ihrer Bücher gibt es eine Szene, in der nur Männer allein vorkommen, da sie nicht wusste, über was die Herren sich unterhielten oder taten, wenn keine Frauen anwesend waren. Ihrer Nichte Fanny Austen, die sich ebenfalls schriftstellerisch betätigen wollte, gab sie einst den Rat nur Dinge zu beschreiben, die ihr vertraut waren. So riet sie ihr ab, einen Teil ihres Romans in Irland spielen zu lassen, da ihre Nichte nicht mit den dortigen Sitten, der Landschaft, etc. vertraut war. Sprich  Jane Austen hat nichts dem Zufall überlassen und blieb stets auf der sicheren Seite, wenn sie über Orte schrieb, die sie selbst besucht hatte. Wenn in einem ihrer Bücher die Dauer einer Reise beschrieben wurde, dann weil sie diese Strecke selbst einmal bereist hat.

Jane Austen war eine wohlerzogene Frau und kam aus einer angesehenen Familie, die nach dem Tod des Vaters finanziell eingeschränkt war.   Dennoch bewegte sie sich in Kreisen, die man heute gut und gerne als bessere Gesellschaft bezeichnen würde und ließ das in ihre Romane einfließen, weil sie damit vertraut war.
In keinem ihrer Romane küssen sich Held und Heldin, es gibt ein paar Küsse auf die Hand, zwischen Familienangehörigen einige Küsse auf die Wange. Geschah es aus Gründen der Schicklichkeit?
Ich bin mir nicht sicher ob es aus Gründen des Anstands und der Moral passiert, immerhin schreibt sie ganz offen in ihrem Romanfragment "Lady Susan" über eine Frau, die durch ihre außerehelichen Beziehungen von sich reden macht. Eigentlich ein Tabuthema und trotzdem schreibt sie darüber. Wer mit ihren Werken vertraut ist, wird merken, dass sie einige heiße Themen anfasst. Wie zum Beispiel das Thema Sklaverei in Mansfield Park.
Das bringt mich zu der Frage, ob Miss Jane Austen jemals geküsst wurde? Sie schreibt nie über einen Kuss zwischen Männern und Frauen, die nicht mindestens verlobt sind. Oder wollte sie nicht, dass ihre Familie wusste, dass sie einen Mann geküsst hat, weil es gegen die guten Sitten verstieß? Zu jener Zeit galt es als unanständig einen Mann zu küssen, mit dem man nicht mindestens verlobt war. (Dass es trotzdem uneheliche Kinder gab, wovon auch Jane Austen wusste, siehe Harriet Smith in Emma, steht auf einem anderen Blatt) Alles Gedanken über Jane Austen und ihre Erfahrungen mit Männern, sind nur Spekulationen, die keiner von uns beantworten kann.

Doch drehen wir einmal die Uhr nach vorne und stellen uns vor, Jane Austen lebte heute, wäre hier geboren und aufgewachsen. Ein Kind dieser Zeit.
In den letzten zweihundert Jahren, genauer gesagt im letzten Jahrhundert, haben sich die Moralvorstellungen enorm verändert und was damals als unschicklich galt, gehört heute zum guten Ton.
Frauen und Männer dürfen sich in unseren Kulturkreisen zu jeder Zeit miteinander verabreden, auch ohne Anstandsdame. Küssen, Sex - auch vor der Verlobung und Ehe - auch mit dem gleichen Geschlecht - gehören zu unserem Alltag. Niemand, bis auf wenige Ausnahmen, würde daran Anstoß nehmen. Auch eine Pfarrerstochter nicht, wenn sie ein halbwegs normales Leben führt.
Gehen wir also davon aus, dass eine heutige Jane Austen auch Autorin wäre und Liebesromane schreibt. Vielleicht würde sie keine ausführlichen Liebesszenen beschreiben, wie sie in erotischen Romanen vorkommen, aber ich bin überzeugt davon, dass sie es nicht einfach übergehen und ausblenden würde.

Nichtsdestotrotz ist Jane Austen eine begnadete Geschichtenerzählerin, die auf ihre eigene Art und Weise zu unterhalten wusste, gerne auch mit spitzer Zunge oder einem Wortspiel. Ihre Romane und die Verfilmungen sind unterhaltsam und bleiben einem im Gedächtnis. Ob mit oder ohne Sex.